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Irreführend Kriminalität & Sicherheit

Einzelne Fakten stimmen, das Gesamtbild täuscht.

„Deutschland wird immer unsicherer – die Kriminalität steigt unaufhörlich“

Die Behauptung

„Die Kriminalität in Deutschland steigt immer weiter; das Land wird immer unsicherer.“

Kurzantwort

So pauschal stimmt das nicht. 2024 ist die Zahl der registrierten Straftaten sogar gesunken (5,84 Mio. nach 5,94 Mio. 2023). Das Bild ist gemischt: Die Gewaltkriminalität ist gestiegen (höchster Stand seit 2007) – andere Bereiche gingen zurück. Wichtig ist auch, was die Statistik überhaupt zeigt: Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst nur angezeigte Fälle und wird von Anzeigeverhalten, Polizeiarbeit und Gesetzesänderungen (z. B. der Cannabis-Teillegalisierung) beeinflusst. „Steigt unaufhörlich“ ist deshalb irreführend – einzelne Anstiege gibt es, einen ungebremsten Dauer-Aufwärtstrend nicht.

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Das Gefühl, ob ein Land sicher ist, ist real und ernst zu nehmen. Aber Gefühl und Zahlen sind zwei verschiedene Dinge. Hier geht es um den Faktenteil der Behauptung: Steigt die Kriminalität tatsächlich „unaufhörlich"? Dafür lohnt ein Blick darauf, was die amtliche Statistik sagt – und was sie überhaupt messen kann.

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Einstieg

„Immer mehr, immer schlimmer" – das klingt eindeutig. Die Zahlen sind es nicht.

  • 2024 ist die Gesamtzahl der Straftaten gesunken: rund 5,84 Millionen, nach 5,94 Millionen im Jahr 2023.
  • Aber nicht überall: Die Gewaltkriminalität ist gestiegen – auf den höchsten Stand seit 2007. Das ist ernst und gehört dazu.

Es gibt also kein einfaches „steigt unaufhörlich". Es geht hoch und runter, je nach Bereich und Jahr.

Wichtig ist auch, was die Statistik zeigt: Sie zählt nur Straftaten, die der Polizei bekannt werden (das „Hellfeld"). Wenn Menschen mehr anzeigen oder die Polizei mehr kontrolliert, steigen die Zahlen – ohne dass es real mehr Taten geben muss. Auch Gesetzesänderungen wirken: Die Cannabis-Teillegalisierung 2024 ließ viele Delikte wegfallen.

Deshalb: „Deutschland wird immer unsicherer" ist irreführend. Einzelne Anstiege gibt es – einen ungebremsten Dauer-Trend nach oben nicht.

Vertiefung

Die Zahlen 2024 im Überblick. Insgesamt 5.837.445 registrierte Straftaten, ein Rückgang um 1,7 % gegenüber 2023. Ein großer Teil des Rückgangs hängt mit der Cannabis-Teillegalisierung (April 2024) zusammen: Rauschgiftdelikte fielen weg, die 2023 noch einen erheblichen Anteil ausmachten. Ohne diesen Effekt wäre es eher eine Stagnation gewesen – also auch kein steiler Anstieg.

Wo es wirklich steigt. Die Gewaltkriminalität nahm um 1,5 % auf 217.277 Fälle zu – der höchste Wert seit 2007; auffällig ist die Zunahme bei tatverdächtigen Kindern und Jugendlichen. Das ist ein realer, ernster Befund – aber eben ein Teilbild, kein Beleg für ein pauschales „alles wird immer schlimmer".

Warum die PKS kein Spiegelbild der Realität ist. Die Polizeiliche Kriminalstatistik bildet nur das Hellfeld ab. Drei Dinge verschieben die Zahlen, ohne dass sich die tatsächliche Kriminalität ändern muss:

  • Anzeigeverhalten: Wird mehr angezeigt (z. B. bei häuslicher oder sexualisierter Gewalt), steigt die Statistik – das kann sogar ein gutes Zeichen sein.
  • Polizeiarbeit: Mehr Kontrollen finden mehr Fälle (gerade bei Drogen).
  • Gesetzesänderungen: Was strafbar ist (oder nicht mehr), verändert die Zahlen direkt.

Wissenschaftlich

Hellfeld vs. Dunkelfeld. Die der Polizei nicht bekannte Kriminalität („Dunkelfeld") taucht in der PKS nicht auf. Wie groß es ist, unterscheidet sich stark je Delikt: bei Kfz-Diebstahl oder Wohnungseinbruch klein (fast alles wird angezeigt), bei Cyber- und Sexualdelikten sehr groß. Ein Anstieg im Hellfeld kann daher eine echte Zunahme bedeuten – oder nur eine Verschiebung der Grenze zwischen Hell- und Dunkelfeld (mehr Anzeigen, mehr Kontrolle).

Aussagekraft langfristiger Trends. Vergleiche über viele Jahre sind heikel: geänderte Erfassungsregeln, neue Straftatbestände und Definitionswechsel führen zu Brüchen in den Reihen. Seriöse Einordnung nutzt deshalb Bezugsgrößen (Häufigkeitszahl je 100.000 Einwohner), trennt Deliktsbereiche und zieht Dunkelfeldstudien (Opferbefragungen) heran, statt eine einzelne Gesamtzahl als „die Kriminalität" zu deuten.

Was belastbar ist. Differenziert und mit Bezugswert betrachtet zeigt sich ein gemischtes Bild mit Bewegung in beide Richtungen – nicht der monotone Anstieg, den die Behauptung suggeriert. Den realen Anstieg der Gewaltkriminalität dabei zu benennen, ist richtig; ihn zum Beleg für ein pauschales „immer unsicherer" hochzurechnen, ist es nicht.

Technik erkannt: Fehlender Bezugswert & Rosinenpickerei

Zwei Muster wirken zusammen. Fehlender Bezugswert: Eine (oder wenige) Zahlen werden ohne den nötigen Rahmen genannt – ohne Bevölkerungsbezug, ohne den Hinweis, dass die PKS nur angezeigte Fälle zählt, und ohne Effekte wie die Cannabis-Legalisierung. Rosinenpickerei: Es werden gezielt die steigenden Bereiche herausgegriffen (Gewalt) und die sinkenden oder der Gesamtrückgang 2024 weggelassen. So entsteht aus einem gemischten Bild ein scheinbar eindeutiger Aufwärtstrend.

Quellen

Alle Aussagen sind belegt. Primärquelle kennzeichnet amtliche bzw. originäre Daten (z.B. Statistisches Bundesamt, Fachstudien).

  1. Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 – über 5,83 Mio. Straftaten (Rückgang um 1,7 %) Primärquelle
    Bundeskriminalamt (BKA) · 2025
  2. Wie lässt sich Kriminalität messen? (Hellfeld, Dunkelfeld, Grenzen der PKS) Primärquelle
    Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)
  3. Kriminalität in Deutschland (Dossier Innere Sicherheit) Primärquelle
    Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)

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