Der Kern der Behauptung stimmt nicht.
„Atomkraft ist die billigste und schnellste Lösung fürs Klima“
„Kernkraft ist die günstigste und schnellste Möglichkeit, klimafreundlich Strom zu erzeugen – neue Atomkraftwerke wären sinnvoller als der weitere Ausbau von Wind und Sonne.“
Neu gebaute Atomkraftwerke haben in Deutschland die höchsten Stromgestehungskosten aller Erzeugungsarten (Fraunhofer ISE: rund 13–49 ct/kWh), während neue Wind- und Solaranlagen bei etwa 4–9 ct/kWh liegen. Auch „am schnellsten“ stimmt nicht: Neue Reaktoren brauchen meist 10–17 Jahre. Richtig ist: Im Betrieb ist Kernkraft CO₂-arm – aber als billigste oder schnellste Klimaschutz-Option taugt der Neubau nicht.
Diese Behauptung kommt oft aus einer Ecke, die den Klimaschutz ernst nimmt und nach einer pragmatischen Lösung sucht – ein nachvollziehbares Motiv. Der wahre Kern stimmt auch: Kernkraft erzeugt im Betrieb kaum CO₂. Das Problem liegt bei den beiden Wörtern „billigste" und „schnellste" – und die lassen sich an Zahlen prüfen.
Einstieg
Was kostet eine Kilowattstunde Strom aus einer neu gebauten Anlage? Das Fraunhofer ISE rechnet das regelmäßig aus – über die gesamte Lebensdauer einer Anlage gerechnet:
- Neues Atomkraftwerk: rund 13–49 ct/kWh
- Wind an Land: rund 4–9 ct/kWh
- Photovoltaik: je nach Anlage rund 4–10 ct/kWh
Neue Kernkraft ist also nicht die billigste, sondern die teuerste Neubau-Option.
Und „am schnellsten"? Der Bau eines neuen Reaktors dauert in westlichen Ländern typischerweise 10 bis 17 Jahre (oft mit Verzögerungen und Kostenexplosionen, siehe Flamanville oder Hinkley Point C). Wind- und Solarparks stehen in ein bis drei Jahren.
Der wahre Kern bleibt: Im Betrieb ist Atomstrom CO₂-arm. Nur sagt das nichts über Kosten und Tempo des Neubaus.
Vertiefung
Warum die Kostenfrage oft verzerrt wird. Häufig werden die Kosten bestehender, längst abbezahlter Atomkraftwerke mit den Kosten neuer Wind- und Solaranlagen verglichen – das ist ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Sinnvoll ist der Vergleich von Neubau mit Neubau, und dort verliert die Kernkraft klar.
Was in die Stromgestehungskosten einfließt. Bau, Brennstoff, Betrieb, Rückbau – und bei Erneuerbaren zusätzlich die Integrationskosten (Netz, Speicher), bei Fossilen der CO₂-Preis. Selbst wenn man die Integrationskosten von Wind und Sonne fair einrechnet, bleibt neue Kernkraft die teuerste Option.
Tempo zählt fürs Klima. Weil es darauf ankommt, Emissionen schnell zu senken, ist die lange Bauzeit kein Detail: Eine Maßnahme, die erst in 15 Jahren Strom liefert, hilft im entscheidenden Jahrzehnt weniger als eine, die in zwei Jahren am Netz ist.
Fair bleibt: Über den Weiterbetrieb bestehender Reaktoren (wo vorhanden und sicher) lässt sich getrennt streiten – das ist eine andere Frage als der teure, langsame Neubau, um den es hier geht. Und Kernkraft ist und bleibt eine CO₂-arme Stromquelle; das ist unbestritten.
Wissenschaftlich
Stromgestehungskosten (LCOE). Die belastbare Vergleichsgröße sind die Levelized Cost of Electricity: alle Kosten über die Lebensdauer geteilt durch die erzeugte Strommenge. Das Fraunhofer ISE weist für neue Kernkraft die höchste Spanne aller betrachteten Technologien aus, deutlich über Wind an Land und Photovoltaik.
Einordnung des IPCC. Der Weltklimarat (AR6, WG III) bewertet die Minderungsoptionen nach Kosten und Potenzial. Wind und Solar gehören danach zu den Optionen mit dem größten kurzfristigen Minderungspotenzial zu den niedrigsten Kosten; für Kernenergie fallen die Kosten- und Potenzialschätzungen breiter und unsicherer aus. Kernkraft wird als eine mögliche Option genannt – nicht als die günstigste oder am schnellsten skalierbare.
Systemperspektive. „Billigste Lösung" ist außerdem keine Eigenschaft einer einzelnen Technologie, sondern eines Gesamtsystems aus Erzeugung, Netzen, Speichern und Flexibilität. Seriöse Szenarien optimieren dieses System als Ganzes; in den meisten kostenoptimalen Pfaden für Deutschland tragen Wind und Sonne die Hauptlast, weil sie pro eingesparter Tonne CO₂ am günstigsten sind.
Technik erkannt: Fehlender Bezugswert & Rosinenpickerei
„Billig" und „schnell" sind nur mit Bezug prüfbar: im Vergleich wozu, und Neubau oder Bestand? Wer die Kosten alter, abgeschriebener Reaktoren mit dem Neubau von Wind und Sonne vergleicht, pickt sich die für die eigene Position günstige Kennzahl heraus – und blendet Bauzeiten und die teure Neubau-Realität aus.
Quellen
Alle Aussagen sind belegt. Primärquelle kennzeichnet amtliche bzw. originäre Daten (z.B. Statistisches Bundesamt, Fachstudien).
- Stromgestehungskosten Erneuerbare Energien und konventionelle Kraftwerke in Deutschland (Ausgabe 2024) Primärquelle
Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) · 2024 - Climate Change 2022 – Mitigation of Climate Change (AR6 WGIII, Summary for Policymakers) Primärquelle
Weltklimarat (IPCC) · 2022 - World Nuclear Industry Status Report (Bauzeiten und Kosten neuer Reaktoren)
Mycle Schneider Consulting (WNISR) · 2023