Einzelne Fakten stimmen, das Gesamtbild täuscht.
„Regional ist immer klimafreundlicher“
„Regionale Lebensmittel sind grundsätzlich klimafreundlicher als importierte – kurze Wege schlagen die weite Anreise immer.“
Der Transport macht bei vielen Lebensmitteln nur einen kleinen Teil der Klimabilanz aus. Entscheidender sind Erzeugung (Freiland oder beheiztes Gewächshaus), Lagerung, Verpackung und das Transportmittel. Regional UND saisonal ist meist eine gute Wahl – aber „immer“ stimmt nicht: Beheizter regionaler Wintersalat kann schlechter abschneiden als importierte Ware, und per Schiff transportiertes Obst schlägt Flugware um Längen.
Diese Behauptung kommt aus einer umwelt- und heimatbewussten Ecke – und sie hat einen starken wahren Kern: Regional und saisonal einkaufen ist oft eine gute Wahl, fürs Klima wie für die lokale Wirtschaft. Das Wort, an dem die Aussage kippt, ist wieder „immer". Denn „kurze Wege" sind nur einer von mehreren Faktoren.
Einstieg
Es klingt logisch: kurzer Weg = wenig CO₂. Doch bei den meisten Lebensmitteln ist der Transport nur ein kleiner Teil der Klimabilanz. Viel stärker zählen:
- Wie wurde es erzeugt? Freiland oder beheiztes Gewächshaus? Ein im Winter beheizt angebauter „regionaler" Salat oder Tomate kann mehr CO₂ verursachen als importierte Freilandware.
- Wie wurde es transportiert? Per Schiff ist Obst aus Übersee oft klimafreundlicher als heimische Ware, die per Flugzeug kommt. Das Transportmittel schlägt die reine Entfernung.
- Wie wurde gelagert? Monatelange Kühllagerung (z. B. heimische Äpfel im Frühsommer) kostet Energie.
- Verpackung und Einkaufsweg (die letzte Autofahrt zum Hofladen) zählen ebenfalls.
Faustregel: regional UND saisonal ist meist top. „Regional" allein – ohne Saison – ist keine Garantie.
Vertiefung
Worauf es wirklich ankommt. Untersuchungen des ifeu zeigen: Die Klimabilanz eines Lebensmittels hängt weniger am Produkt selbst als daran, wie es angebaut, transportiert und verpackt wurde. Die Entfernung ist dabei oft der kleinere Posten – außer bei Flugware (etwa schnell verderbliche Beeren oder Spargel aus Übersee), die alles andere überlagert.
Drei typische Fälle, in denen „regional ≠ besser" gilt:
- Beheiztes Gewächshaus vs. Freiland-Import: Tomaten/Gurken im Winter aus dem beheizten regionalen Gewächshaus können schlechter abschneiden als Freilandware aus Südeuropa.
- Schiff vs. Flugzeug: Per Schiff transportierte Importware (z. B. Bananen) hat eine sehr niedrige Transport-Bilanz; entscheidend ist nicht die Distanz, sondern das Verkehrsmittel.
- Lange Kühllagerung: Heimisches Lagerobst außerhalb der Saison kann durch den Energieaufwand der Lagerung an Vorteil verlieren.
Fair bleibt: Regional-saisonal ist trotzdem oft eine gute Wahl – und hat Vorteile über das Klima hinaus (kurze Lieferketten, Frische, Unterstützung lokaler Höfe, Transparenz). Die Aussage wird nur dort falsch, wo aus „oft gut" ein pauschales „immer besser" wird.
Wissenschaftlich
Funktionelle Betrachtung statt Bauchgefühl. Klimabilanzen von Lebensmitteln betrachten den gesamten Lebensweg: Anbau (inkl. Düngung, Energie, ggf. Beheizung), Verarbeitung, Transport, Verpackung, Lagerung. Der Transport ist bei vielen Produkten ein untergeordneter Beitrag – mit der wichtigen Ausnahme des Luftverkehrs, der pro Tonnenkilometer um ein Vielfaches klimaschädlicher ist als Schiff, Bahn oder Lkw.
Warum „Foodmiles" allein in die Irre führen. Die reine Kilometerzahl („Food Miles") ist ein schlechter Indikator, weil sie weder Transportmittel noch Produktionsbedingungen abbildet. Zwei Produkte mit identischer Entfernung können sehr unterschiedliche Bilanzen haben – je nach Erzeugung und Verkehrsträger.
Größter Hebel bleibt die Produktwahl. Über alle Studien hinweg gilt: Was man isst (z. B. tierische vs. pflanzliche Produkte), wirkt sich meist deutlich stärker auf die Klimabilanz aus als woher es kommt. Die Herkunft zu optimieren ist sinnvoll – ersetzt aber nicht den Blick auf das Produkt selbst.
Technik erkannt: Fehlender Bezugswert & falsche Gleichsetzung
„Regional" wird mit „klimafreundlich" gleichgesetzt, als wäre die Entfernung der einzige Maßstab. Tatsächlich fehlt der Bezug zu den eigentlich entscheidenden Größen: Erzeugung (Gewächshaus?), Transportmittel (Flug oder Schiff?), Saison und Lagerung. Ein einzelner Faktor (kurzer Weg) wird zum Gesamturteil aufgewertet.
Quellen
Alle Aussagen sind belegt. Primärquelle kennzeichnet amtliche bzw. originäre Daten (z.B. Statistisches Bundesamt, Fachstudien).
- Transport und Verpackung entscheiden oft über die Klimabilanz unserer Lebensmittel (Pressemitteilung zur Studie) Primärquelle
ifeu – Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg · 2020